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Die eheliche Pflicht

Ein ärztlicher Führer
aus Uromas Zeiten

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Die eheliche
Pflicht

Ein ärztlicher Führer zu heilsamem
Verständnis und notwendigem Wissen
im ehelichen Leben.

Von Dr. Karl Weißbrodt.

3. Reprint-Auflage
Königswinter 2005
HEEL Verlag GmbH
herausgegeben von:
Dieter Hantke

Design und Neugestaltung:
Dieter Hantke

Impressum
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Gut Pottscheidt
53639 K nigswinter
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Erfasst durch: digi-texx GbR, Herrsching
Lektorat: Petra Hundacker
Satz: Grafikb ro Schumacher, K nigswinter
Druck und Verarbeitung: D + L Reichenberg GmbH, Bocholt
Wiederentdeckt von Dieter Hantke
— Alle Rechte vorbehalten —

Vorwort

Als ich im Jahre 1879 das vorliegende Schrift-chen verfasste, ging ich von der Überzeugung aus, dass ein solches Buch einem wahrhaft dringenden Bedürfnis entspreche, trotz der großen Menge von so genannten volkstümlichen Werken, die den gleichen Gegenstand behandeln, ja sogar gerade mit Rücksicht auf die wuchernde Überfülle der Literatur dieser Sorte. Die Aufnahme, welche mein Buch seither namentlich in geistlichen Kreisen und bei der Frauenwelt gefunden hat, darf wohl als ein vollgültiger Beweis dafür angesehen werden, dass mich meine Überzeugung nicht getäuscht hat; meine Schrift über die eheliche Pflicht hat sich in der Tat als ein in den maßgebendsten Kreisen tief empfundenes Bedürfnis herausgestellt, und zwar nach zwei Richtungen hin. Es hat sich einerseits gezeigt, dass man in den Kreisen pflichteifriger Seelsorger und einsichtsvoller Frauen und Mütter, denen mit Bezug auf das sittliche Leben in der Gesellschaft und in der Familie zweifellos die gewichtigste Stimme zuerkannt werden muss, völlig durchdrungen ist von der Notwendigkeit, den herangereiften jungen Leuten, insbesondere aber denjenigen, die im Begriffe stehen, in den Stand der heiligen Ehe zu treten oder die wohl gar diesen wichtigsten Schritt des Lebens getan haben, ohne über die wahre Bedeutung und hohe Wichtigkeit desselben genügend unterrichtet zu sein, eine eingehende Belehrung über die geschlechtlichen Verhältnisse und das Eheleben angedeihen zu lassen. Andererseits hat mir die beifällige Aufnahme meiner Schrift in diesen Kreisen deutlich bewiesen, dass man in denselben das Bedürfnis einer solchen Belehrung durch die bereits in großer Zahl vorhandenen Bücher über das Eheleben keineswegs als befriedigt betrachtet, sondern im Gegenteil gefunden hat, dass diese Bücher in ihrer übergroßen Mehrzahl weit eher Schaden anstiften als Nutzen bringen können, weil ihnen der sittliche Ernst fehlt, weil sie nicht das Eheleben im christlichen Sinne, sondern lediglich das Geschlechtsleben im rein materiellen Sinne behandeln. Statt den jugendlichen Leser über das wahre Wesen der christlichen Ehe und die hohe sittliche Weihe, welche dieselbe dem geschlechtlichen Zusammenleben verleiht, zu belehren, vermögen solche Bücher nur dessen Aufmerksamkeit auf einen Gegenstand hinzulenken, der zunächst doch nur feine Einbildungskraft beschäftigen kann und unlautere Triebe und Gelüste in ihm zu erregen vermag.

Was könnte unser junges Volk aus einem derartigen Buche Nützliches lernen? Im besten Falle fordert ein solches die Kenntnis der anatomischen, physiologischen und biologischen Einzelheiten des Geschlechtslebens, niemals aber die Erkenntnis der wahren, sittlichen Bedeutung des Ehelebens. Der gewaltige Unterschied, der zwischen Geschlechtsund Eheleben besteht, wird den Lesern solcher Bücher niemals klar werden; das Verständnis desselben, das dem Christenmenschen, wenn auch nur als schlummernde Ahnung, von Kindheit auf ins Herz gelegt ist, und das sich schon dadurch offenbart, dass junge Leute von anständiger Denkweise, denen die Geheimnisse des Geschlechtslebens nichts Unbekanntes mehr sind, nichtsdestoweniger ihre Eltern mit unveränderter kindlicher Ehrfurcht betrachten - dieses sozusagen instinktive Verständnis für die Heiligkeit des Ehelebens wird und muss vielmehr durch den zynischen Indifferentismus solcher so genannter wissenschaftlicher Abhandlungen über Wesen, Bestimmung und gegenseitiges Verhältnis der Geschlechter ohne Rücksicht auf deren Heiligung durch die Ehe verwischt werden. Wird aber erst die Ehe dadurch entheiligt, dass man sie als ein bloßes Mittel zum Zweck der Befriedigung des Geschlechtstriebes hinstellt, dann wird auch das Familienleben nicht von den verheerenden Einflüssen einer solchen materialistischen Anschauungsweise verschont bleiben. Das Heiligtum des Ehebettes wird entweiht werden durch malthusta-nische Spekulationen *), wie das in Frankreich tatsächlich schon längst der Fall ist; der Kindersegen wird nicht mehr als eine Gabe Gottes geschätzt, sondern als eine nüchterne wirtschaftliche Frage aufgefasst und der Zeugungsakt nach Vermögensund Budgetrücksichten rein kalkulatorisch geregelt werden. Der Mann von Welt, der im Geschlechtsleben nichts anderes als den Genuss sucht, wird sich über die Unbequemlichkeit, welche die fortwährende Rücksichtnahme auf ein solches Kalkül mit sich bringt, leicht hinwegsetzen, indem er - statt der ehelichen - geschlechtliche Freuden außerhalb des Hauses sucht; die Frau, lediglich als ein Bevölkerungsmittel betrachtet und behandelt, wird sich von ihrer Würde als Gattin und Mutter die geringe Meinung bilden, die solchen Verhältnissen entspricht, und das Recht, in dieser Hinsicht nicht christlich-sittlich, sondern „rein menschlich“, d. h. menschlich-tierisch denken und fühlen zu dürfen, auch für sich in Anspruch nehmen; die Kinder, das Produkt eines Rechenexempels, einer Art sozialtheo-retischer Züchtung - welch eine Familie! Kann man sich da wundern, wenn alles, was Überlieferung, Religion, Poesie und Kunst dem Familienleben an Schönheit und Erhabenheit verliehen haben, allmählich verschwindet, wenn in den Familien der Vornehmen nichts mehr als der konventionelle Ton sozialer Oberflächlichkeit bei tiefster Zerrüttung und oft genug völliger Vernichtung des sittlichen Gefühles herrscht, in jenen der Armen Verrohung und bestialische Sittenlosigkeit immer mehr einreißen – wenn der Ehebruch zu einem Typus des gesellschaftlichen Lebens wird und das Laster Bürgerrecht erlangt in allen Kreisen?!

Angesichts solcher Zustände und bedrohlicher Aussichten erscheint es doch wohl gewiss gerechtfertigt, wenn der Versuch unternommen wird, den christlichen Charakter unseres Ehelebens wieder Zum Bewusstsein des Volkes, insbesondere der jungen Welt zu bringen, und zwar in Verbindung mit einer Belehrung über das Wesen der Ehe in ärztlichem Sinne, d. h. über die Vorbedingungen einer auch in leiblichem Sinne ersprießlichen Ehe, und über die Grundsätze, deren gewissenhafte Befolgung allein ein gesundes und glückliches Eheleben herbeiführen kann.

Es gereicht mir zur frohen Genugtuung, dass mein nach dieser Richtung vor fünfzehn Jahren unternommener Versuch den Beifall der Berufensten gefunden hat und dass mein anspruchsloses Buch in der Hochflut von Schriften, die dem sachlichen Inhalte nach der meinigen zwar ähnlich, in Tendenz und Auffassung aber von derselben grundverschieden sind, nicht unbeachtet untergegangen ist, sondern im Gegenteil eine recht erfreuliche Verbreitung gefunden hat.

Indem ich mein Werk nunmehr in fünfter neu durchgesehener Auflage der Öffentlichkeit übergebe, kann ich den Wunsch nur wiederholen, den ich ihm bereits bei seinem ersten Erscheinen mit auf den Weg gegeben habe: Möge es geeignet sein, als ein bescheidenes Senfkorn auf den Boden der christlichen Familie ausgestreut, zum mächtigen Baum zu erwachsen und Glück und Segen denen Zu bringen, die sich seiner Führung anvertrauen!

DR. KARL WEISSBRODT.

*) Der englische Nationalökonom Thomas Robert Malthus [1766-1834] hatte den Satz; aufgestellt, dass die Bevölkerung sich rascher vermehre als die zu ihrer Ernährung erforderlichen Naturprodukte. Aus diesem Lehrsatz hat man ein förmliches System - den so genannten Malthusianismus - heraus konstruiert, welches auf Herab-minderung der Kinderzahl, also auf eine künstliche Unterdrückung der ehelichen Fruchtbarkeit abhielt, und das u. a. in Frankreich als so genanntes „Zweikindersystem“ zu ganz allgemeiner praktischer Anwendung gelangt ist.

Erster Teil.

Von der Heiligkeit
des Ehebettes
.

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Erstes Kapitel.

Die Schöpfung der Arten und ihre Erhaltung.

Wie wir im ersten Buch Mose lesen, hat der allmächtige und allweise Schöpfer des Weltalls, nachdem er die Tiere des Wassers, des Landes und der Luft, ein jegliches nach seiner Art, erschaffen hatte, dieselben mit den Worten gesegnet: „Seid fruchtbar und mehret Euch!“ [1., 22.] In gleicher Weise hatte Gott schon vorher, am dritten Schöpfungstage, die Pflanzenwelt geschaffen und ihr die Fähigkeit verliehen, für ihren dauernden Fortbestand selbst zu sorgen, indem er jeglicher Art ihren eigenen Samen mitgab, auf dass sie nach ihrer Art Frucht trage und ihresgleichen her vorbringe. Als dann der Herr am sechsten Schöpfungstage sein Werk durch die Erschaffung des Menschen krönte, da verfuhr er ebenso, wie dies bei den Pflanzen und Tieren geschehen; er schuf ein Männlein und ein Fräulein und segnete sie und sprach zu ihnen: „Seid fruchtbar und mehret Euch, und füllet die Erde.“ [1., 27, 28.]

Soweit wir Menschen überhaupt imstande sind, die Schöpfung zu begreifen und den göttlichen Gedanken, der derselben innewohnt, nach menschlicher Denkweise zu erfassen, können wir dieser Anordnung nur eine Deutung geben: Alles Leben kommt von Gott, alles göttliche Leben ist aber unsterblich. Auch der sterblichen Kreatur ist göttliches d. h. unsterbliches Leben gegeben, jenes Leben, das ein Teil von der schöpferischen Kraft Gottes, also unversiegbar und ewig wie diese selbst ist; die einzelne Kreatur ist an sich sterblich, trägt aber ungezählte Lebenskeime in sich, die zur Erhaltung ihrer Art dienen. Indem Gott die ersten Lebewesen schuf und sie fruchtbar d. h. fähig machte, ihre Art fortzupflanzen, hat er zugleich die ganze Lebewelt aller Zeiten geschaffen. Die Fortpflanzungsfähigkeit der Kreatur ist deren Anteil an der Erhaltung der Arten; durch sie wirkt das einzelne Geschöpf mit an der Durchführung des Schöpfungsplanes.

Die neuzeitige materialistische Weltanschauung hat für Gott und Schöpfung andere Begriffe gesetzt, indem sie als die Elemente der Natur „Kraft“ und „Stoff“ bezeichnet. Die „Kraft“ ist aber nichts anderes als Gott, der Odem des ewigen, göttlichen Lebens, der das ganze Weltall durchdringt und beseelt; der „Stoff“ dagegen, das sind die Geschöpfe. Jene bleibt ewig unveränderlich und offenbart sich uns in den ewig unveränderlichen Naturgesetzen; diese, als Einzelwesen betrachtet, wechseln ohne Unterlass und lösen sich nach kürzerem oder längerem Dasein in ihre ursprünglichen Bestandteile auf, aus denen wieder neue Bildungen hervorgehen. Dies gilt eben sowohl von den Stoffen der unbelebten Natur wie von den Lebewesen, nur mit dem Unterschiede, dass sich die Neubildungen bei jenen lediglich auf chemischem, bei diesem aber auch auf dem Wege der Fortpflanzung vollziehen. Durch chemische Neubildung entstehen ungleichartige, durch Fortpflanzung gleichartige Produkte; jene sind und bleiben unbelebt, diese tragen den durch das Schöpfungswerk entzündeten, unvergänglichen Lebensfunken in sich, der seit dem Entstehen der ersten Lebewesen nicht mehr erloschen ist und auch nimmer erlöschen wird, solange es dem Schöpfer gefällt, die gegenwärtige Weltordnung fortbestehen zu lassen. Die Arterhaltung ist das Bindeglied zwischen Schöpfung und Geschöpfen, eine Ergänzung der ersteren unter Mitwirkung der letzteren; sie spielt daher unbestreitbar die wichtigste Rolle im Dasein der Lebewesen.

Die Erhaltung der Art vollzieht sich bei den verschiedenen Arten von Lebewesen auf sehr verschiedene Weise. Bei den niedrigsten Organismen geschieht sie einfach durch Teilung eines Einzelwesens in mehrere; diese gehen also in der Erfüllung des Arterhaltungszweckes völlig auf, und man kann daher mit Recht sagen, dass dieser Zweck Zugleich der einzige ihres Daseins ist. 











Eine andere Form der Fortpflanzung ist diejenige der Sprossung oder Knospung, wobei das Muttertier erhalten bleibt und die neuen Organismen aus Wucherungen an verschiedenen Körperstellen der ersteren hervorgehen. Die Fortpflanzung geschieht des Ferneren durch Keimbildung im Innern des mütterlichen Organismus, der sich dabei bisweilen völlig in Keimkörner auflöst, aus denen dann neue Individuen entstehen; häufiger wandelt sich aber nur ein Teil des Mutterkörpers in Keimkörper um, auch sind bestimmte zur Fortpflanzung dienende Organe vorhanden, aus denen die Keimkörner hervorgehen. Als die vollkommenste Form der Fortpflanzung sehen wir die geschlechtliche an, wobei stets zweierlei verschiedene Keime gebildet werden, deren gegenseitige Einwirkung zur Entwicklung eines neuen Lebewesen unbedingt erforderlich ist. Die geschlechtliche Fortpflanzung vollzieht sich entweder im Körper eines und desselben Einzelwesens, das Keime von beiderlei Art [Ei- und Samenzellen] in sich schließt [Hermaphroditismus], oder durch Begattung zweier Einzelwesen der gleichen Art, deren jedes mit besonderen Fortpflanzungs- oder Zeugungs-Organen ausgestattet ist.

Der göttliche Macht- und Segensspruch „Seid fruchtbar und mehret Euch!“ ist für alle Lebewesen ausgesprochen worden, und wie verschiedenartig auch die Mittel sein mögen, die zur Erreichung des Fortpflanzungszweckes den einzelnen Arten verliehen sind, so kann doch kein Zweifel darüber bestehen, dass sie ausschließlich für diesen Zweck bestimmt und geschaffen sind.

Wir können im Naturleben allenthalben beobachten, dass die Fortpflanzung als das Mittel zur Arterhaltung, neben denjenigen Verrichtungen der einzelnen Lebewesen, die zu ihrer Selbsterhaltung dienen, die wichtigste Rolle spielt, ja dass sie sich vielfach auf Kosten der Einzelwesen vollzieht, den Zweck der Arterhaltung somit noch über denjenigen der Selbsterhaltung stellt. Bei den auf niedrigerer Entwicklungsstufe stehenden Arten geschieht die Fortpflanzung ganz ohne die bewusste Mitwirkung der Stammwesen; sie ist also völlig unabhängig von dem Willen der letzteren. Bei den zu geschlechtlicher Fortpflanzung eingerichteten Geschöpfen ist – vom Hermaphroditismus abgesehen – die bewusste Mitwirkung der Stammwesen im so genannten Zeugungsakte erforderlich; allein der eigene, freie Wille des Zeugenden spielt auch hier nur eine sehr untergeordnete Rolle und wird selbst bei den am höchsten entwickelten Tieren durch den instinktiven Geschlechtstrieb ersetzt, der sich zu bestimmten Zeiten und unter der Einwirkung von Verhältnissen äußert, die vom Willen der betreffenden Wesen ganz unabhängig sind. Wir sehen hieraus, dass die Arterhaltung eine Naturnotwendigkeit ist, der das Einzelwesen nur als Mittel Zum Zwecke dient und der es sich mit mehr oder weniger Verleugnung seines Selbsterhaltungstriebes unterwerfen muss. Der Schmetterling, der zur Ausübung des Fortpflanzungsgeschäftes eine besondere Gestalt annimmt und zu Grunde geht, sobald er die Aufgabe der Arterhaltung erfüllt hat, zeigt uns so recht deutlich, dass sein ganzer Lebenszweck eben diese letztere ist. Wie verhält es sich nun in dieser Beziehung mit dem Menschen?

Der Mensch nimmt vor allen Lebewesen der Erde eine hochbevorzugte Stellung ein, die durch das Bibelwort: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“ [1. Buch Mose 1, 27] Zu lebendigem Ausdrucke kommt. Die selbstständige Tätigkeit aller übrigen lebenden Geschöpfe erstreckt sich nicht über die Sorge für die unmittelbaren Bedürfnisse der Selbst- und Arterhaltung hinaus; der Mensch hat dagegen das Bestreben und in hohem Grade auch die Fähigkeit, sich unabhängig zu machen von dem Gesichts- und Wirkungskreise des Alltagslebens, sein Denken weit über die Dinge in seiner nächsten Umgebung, über die Sorge um die Bedürfnisse des Augenblickes hinausschweifen zu lassen; sein Forschen und Streben umfasst nicht nur die ganze Erde, sondern verliert sich in die unermesslichen Tiefen des Weltalls, und überall sucht es nach dem allumfassenden, göttlichen Geiste, aus dem es sich selbst geboren weiß. Diese bewusste Gotteskindschaft ist es, die dem Menschen seinen Adel verleiht, die ihn hoch, hoch erhebt über alles, was neben ihm auf Erden wandelt. Körperlich hängt er mit der Scholle zusammen, auf der er lebt, ist er den gleichen Naturgesetzen unterworfen wie alle übrigen Geschöpfe; geistig ist er dagegen himmelweit unterschieden von diesen und zur Herrschaft über sie alle berufen. Und diese geistige Überlegenheit offenbart sich auch in seinem Verhältnis zur Natur. Wohl vollziehen sich seine Lebensfunktionen unter denselben Bedingungen wie diejenigen der hinsichtlich der Einrichtung seines Organismus ihm am nächsten stehenden Tiere, soweit dieselben nicht von seinem freien Willen abhängig sind; wo aber dieser zur Geltung kommt, wo die mechanische und chemische Selbsttätigkeit des Organismus hinter das zielbewusste Handeln zurücktreten muss, wo die Einwirkung des Willens auf seine Lebensführung zur Geltung kommt, da erscheint der Mensch sofort als ein völlig eigenartiges, als ein höheres, alle übrigen Geschöpfe weit überragendes Wesen.

Dass der Mensch bei Mangel an sittlicher Erziehung, geistiger Bildung und religiösem Sinn auf einer niedrigen Entwicklungsstufe stehen bleibt und sich in diesem Falle nur wenig vom Tier unterscheidet, spricht nicht gegen, sondern vielmehr gerade für das Obengesagte; denn nicht in der tierischen Natur, die in diesem Falle den Geist überwuchert und mehr oder weniger erstickt, sondern in der Fähigkeit geistiger Entwicklung offenbart sich die Gotteskindschaft des Menschen, und wenn diese Fähigkeit brachliegen bleibt oder der Verwilderung preisgegeben wird, so wird damit alles hinfällig, was den Menschen vom Tier unterscheidet und ihn „zum Bilde Gottes“ macht.

Auch der Mensch ist dem Gesetze der Arterhaltung unterworfen; auch ihm ist durch die Einrichtung seines Organismus die Art und Weise, in der er die Fortpflanzung seines Geschlechtes zu bewerkstelligen hat, genau vorgeschrieben. Allein er unterscheidet sich schon dadurch wesentlich von den Tieren, dass der Zeugungs- oder Geschlechtstrieb bei ihm nicht von bestimmten Zeiten und Umständen abhängig ist, ein wichtiger Umstand, auf den wir noch später zu sprechen kommen werden. Ferner wird der Geschlechtstrieb des normalen Menschen [wohl zu unterscheiden vom Lüstling und Wüstling, der noch tief unter dem, nach Naturnotwendigkeit blindlings seinem Brunsttriebe folgenden Tiere steht] durch die dem Tiere fremden Gefühle der Schamhaftigkeit und der Liebe in Schranken gehalten, veredelt und gewissermaßen vergeistigt. Endlich hat der Mensch eine Institution geschaffen, die für ihn das natürliche Gesetz der Arterhaltung zugleich Zu einem gesellschaftlichen und Sittengesetze von höchster Bedeutung erhebt, eine Institution, welche die Grundlage unseres ganzen Volks- und Staatslebens bildet: diese Institution ist die Ehe.

Zweites Kapitel.

Die Ehe und der Sündenfall.

Wie bereits am Eingange des ersten Kapitels erwähnt worden ist, hat der Schöpfer selbst das erste Menschenpaar mit dem Segensspruche in das Erdendasein eingeführt: „Seid fruchtbar und mehret Euch.“ Er hat damit den ersten Ehebund gestiftet und geheiligt. Trotzdem hat es zu keiner Zeit in und außer der christlichen Kirche an Sittenlehrern und Anhängern von solchen gefehlt, welche die Ehe, um des Ehebettes d. h. der ehelichen Beiwohnung willen, entweder ganz verworfen, oder doch, im Vergleich mit Ehelosigkeit, als einen Stand geistlicher Unvollkommenheit, als ein Hindernis in der Heiligung betrachtet haben. In die christliche Kirche hat diese Anschauungsweise schon zur Zeit ihrer Entstehung Eingang gefunden, obgleich die Lehre Christi, weit entfernt, die Ehe als etwas Unheiliges anzusehen, dieselbe vielmehr als eine uralte, heilige Gottesordnung anerkennt. Man darf eben nicht vergessen, dass das Christentum im Orient entstanden ist, wo allgemein die Vielweiberei herrschte und das Verhältnis zwischen Mann und Weib mehr dasjenige eines Herrn zu seinen Dienerinnen als das einer lebenslänglichen Vereinigung zwischen Gleichgestellten war. Daraus allein ist es zu erklären, dass der Apostel Paulus die Ehe mehr als ein notwendiges Übel, denn als einen geheiligten Bund betrachtete; in der Tat werden unter den damaligen Verhältnissen nur sehr wenige Ehen wahrhaft glücklich und im christlichen Sinne unserer Zeit heilig gewesen sein, sodass es wohl zu verstehen ist, dass derselbe Apostel, welcher in seinem 1. Briefe an Timotheus [4. Kapitel, 1] das Verbot der Ehe als eine Teufelslehre bezeichnet hat, in seinem 1. Briefe an die Korinther [2. Kap., 1] die Meinung ausspricht, es wäre dem Menschen gut, dass er keine Weibsperson berührte, und [im 8., 37. und 40. Vers desselben Kapitels] erklärt, dass die Unverheirateten wohl tun, unverheiratet zu bleiben. Zu dieser Anschauung trug übrigens auch, wie Paulus selbst [im 26. und 28. Vers des angeführten Kapitels des 1. Korinther-Briefes] erwähnt, die schwere Not der Zeit bei, in welcher er gelebt hat. In welchem Sinne dann später die christliche Kirche – die orientalische ebenso wohl wie die katholische – die paulinischen Ansichten betreffs der Vorteile der Ehelosigkeit aufgefasst und weiter ausgebaut hat, ist bekannt; die orientalische Kirche fordert von ihrer höheren Geistlichkeit, die katholische von ihrer gesamten Priesterschaft die Ehelosigkeit, und beide erkennen dem klösterlichen Leben einen besonders heilsamen Einfluss auf das Seelenheil zu. Diese Anschauung stützt sich [soweit sie ihren Ursprung nicht in dem, in allen nicht auf bloßen Naturdienst beschränkten Religionen und ganz besonders im Orient vorkommenden Asketentum*) hat] auf die gleichfalls vom Apostel Paulus vertretene Ansicht, dass mit der Ehe irdische Sorgen verbunden sind, welche vom Dienste Gottes abziehen.